26.06.2026
DIE SCHEINBAR SCHEINHAFTE
Wie viele driftende Sandberge, so viele scheinhaft silberblonde Oasen.
Wie viele lichtbeige gepresste Sandkörner, so viele nur scheinbar konstante Welten.
Wie viele pastellig angehauchte Luftströme, so viele böig bewegte, in alle Himmelsrichtungen zerstreute Lebensreisen.
Und mittendrin, sandsteinbraun, teils schemenhaft im Sandmeer verschwommen, teils klar umrissen, zackig rund, die Düne, die scheinbar Scheinhafte, vom Wind gepeitscht, und so allgegenwärtig wie unergründlich. So sphärisch wie real.
Zwischengespeichert in jedem Staubkorn, graubärtig, die Zeit, und das Wissen, dass keine starren Realitäten existieren, immer nur werdende. Dass keine Existenzen agieren, die bleiben, sondern nur verändernde.
Der Inbegriff allen Wandels, Sandhügel, Dünentäler, zerfranste Gefilde am Boden, Galaxien aus Sternenstaub am Kamm. Zwischenwesen auf halber Strecke von unbelebter zu belebter Materie, dröhnend singend, pfeifend tosend, unfertig sandverschüttet.
Der Kluge, dem die scheinbar grundfarbige Stabilität nicht täuscht. Und der zudem die Richtung, welche der Wechsel zunächst nehmen wird, mischfarbig vorhersieht.
Denn die Ruhe nur scheinbar und relativ. Bewegung fortlaufend und existent. Die Elemente zeitlebens im Wettstreit um Fläche und Wirkungsbereich.
Kaum jemand entgeht der Falle des schönen Scheins, goldschimmernd, körnchenreich wandelnd auf allen Banketten dieser Welt. Mehrheitlich glaubend an ein Immerwährend, ein Unbegrenzt, ein Unvergänglich, silberblank.
Wohl wissend, dass Dünen genau dort beginnen, wo das üppige Strandleben aufhört – im Niemandsland bewegter Luft, dämmergrau. Der Heimat stetiger Veränderungen voller stachlig dorniger Dünendisteln.
So vollendet das winzig kleine Sandkorn seine eigene Legende.
Stoisch beobachtet von der abgedrifteten Milchstraße wolkenflüchtig.
Als natürlicher Wellenbrecher gegen schrankenlose Allmächtigkeit und unbeschränkte Souveränität.
Groß und unausweichlich, eisenfestgrau und dünenflüsterbeige, einer schlafwandelnden Sphinx gleich.